Das Narrengericht von Rottenburg

Narrengerichte waren im Mittelalter weit verbreitet. Sie hatten die Aufgabe in einer Verhandlung in humorvoller und satirischer Art gegenseitig Schwächen, Torheiten, Dummheiten und Verfehlungen aus der zurückliegenden Zeit, abzuhandeln. Es kam immer wieder vor, dass Narrengerichte auch von der Obrigkeit verboten wurden. Aber der Brauch hat sich bis heute erhalten. Die Institution der Narrengerichte verlagerte sich im laufe der Zeit, auf politische Gegebenheiten. Das bekannteste und berühmteste Narrengericht mit politischer Prägung, findet heute noch am Schmotzigen Donnerstag in Stockach statt. Es hat seinen Ursprung in einem Privileg von 1351 nach einem missglückten Feldzug des Herzoges Leopold von Österreich, gegen die Schweiz. Vor diesem Feldzug hatte der Hofnarr Hans Kuonie gewarnt. Für seinen weisen Rat, erhielt er die Erlaubnis, jährlich ein Narrengericht abzuhalten.
Man braucht aber gar nicht bis nach Stockach fahren, denn auch in Rottenburg gab es einmal ein Narrengericht. Kurioserweise wurde dieses Narrengericht im einem richtigen Amtsgericht abgehalten. In den 60er Jahren fand dies am Fasnets-Dienstag alljährlich im Amtsgericht Rottenburg, in der Oberen Gasse statt. Organisiert wurde diese Veranstaltung von der Ahlandgruppe der Narrenzunft Rottenburg, unter der Leitung von Werner Müller. Angeklagt wurde der Vorstand des Amtsgerichts, Bernhardt Jung. Die Justiz-Angestellte Wilma Weiß, hat das ganze Jahr über Gegebenheiten und Vorkommnisse gesammelt, die man dem „Angeklagten“ vorwerfen konnte. Der Staatsanwalt Engelbert Sauter verlas die Anklageschrift, die allerlei Verfehlungen in Bezug auf sein Richteramt enthielt. Diese waren natürlich frei erfunden und er wurde letzten Endes zur Zahlung der Getränke verurteilt, einmal musste er sogar ein Lied singen. Umrahmt wurde die ganze Angelegenheit von der Ahlandkapelle mit lustigen Liedern und einer Polonaise. Zahlreiche Zuschauer, wie die Gräfin, waren ebenfalls anwesend, da die Verhandlung „öffentlich“ war. Möglich war dies nur durch den guten Willen von Amtsgerichtsrat Bernhard Jung, dem man dafür heute noch dankbar sein sollte. Sein Verständnis für die Rottenburger Fasnet war beispiellos. Ebenso muss hier noch die Erstürmung des Rottenburger Postamtes, am Fasnets-Dienstag erwähnt werden. Schon früh morgens, legten die Rottenburger Ahlande den Betrieb des Postamtes lahm und mancher Kunde am Schalter schaute in ein freundliches Ahlandgesicht, anstatt in das eines Postbeamten. Auch in diesem Fall spielte die Ahlandkapelle auf und die Mitwirkenden wurden mit Getränken belohnt und ausdrücklich aufgefordert von Postmeister Stähle, nächstes Jahr wieder zu kommen. Ob diese Veranstaltungen heute, so ohne weiteres möglich wären, ist stark zu bezweifeln und Leben in unseren Erinnerungen fort.
Besonders bedanken möchte ich mich bei Dieter Maier und Engelbert Sauter die dazu beigetragen haben diese Geschehnisse in Erinnerung zu behalten.